Fragen & Antworten

Gering literalisierte Erwachsene können meist nur einzelne Wörter oder einfache Sätze lesen und schreiben. Die LEO-Studie unterscheidet verschiedene Stufen von geringer Literalität, die sog. Alpha-Level. Dabei beschreibt das unterste Alpha-Level 1 die Beherrschung der Schriftsprache auf Buchstabenebene, das Alpha-Level 2 die Beherrschung auf Wortebene und das Alpha-Level 3 die einfache Satzebene. Vertiefend dazu: Grotlüschen et al. (2019): LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität. Pressebroschüre, Hamburg. Online unter: http://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo.

Die aktuelle LEO-Studie geht davon aus, das circa 6,2 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren als gering literalisiert gelten müssen. Dies entspricht in etwa einem Anteil von 12 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung.

52,6 % der Betroffenen spricht Deutsch als Muttersprache. Bezogen auf das Geschlecht sind Männer mit 58,4 Prozent vermehrt betroffen. 62 % der Betroffenen sind erwerbstätig und 76 % haben sogar einen Schulabschluss (u.a. auch Abitur).

Von geringer Literalität sind viele Menschen betroffen und die Ursachen dafür sind vielfältig. Häufig gibt es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren (individueller, familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Art), die zu den Problemen geführt hat.
Als häufigste Ursachen können benannt werden:

  • Schwierige soziale und familiäre Verhältnisse, z. B. durch Trennung der Eltern, Vernachlässigung, Drogen- oder Alkoholprobleme in der Familie, kein Kümmern um den Bildungserfolg des Kindes oder zu großer Druck bei den Schulleistungen
  • Brüche in der Schulbiografie, z. B. häufiger Schulwechsel und Umzüge
  • Nicht erkannte Lese- und Rechtschreibschwächen, z. B. Überforderung der Lehrkraft, zu große Klassen, Desinteresse am schulischen Erfolg oder Resignation
  • Negative schulische Erfahrungen, z. B. durch Mobbing, Bloßstellung an der Tafel oder beim Vorlesen
  • Geringes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
  • Stillstand beim Lernen (Fossilisierung) oder sogar Vergessen des bereits Gelernten

Anders als geringe Literalität gilt die LRS als anerkannte Krankheit im Sinne einer Störung und verfügt über eine Klassifikation nach dem ICD 10-Code der Weltgesundheitsorganisation. (F81.- Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten)
Nach der ersten LEO-Studie von 2012 leiden etwa 6 % der gering Literalisierten gleichzeitig an einer LRS, wobei diese Quote auf den unteren Niveaustufen auf bis zu 50 % ansteigt.

Nach der Definition (F81.0) gilt für die LRS:

„Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein. Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht werden. Umschriebenen Entwicklungsstörungen des Lesens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus. Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich häufig.“

Vgl.: https://www.icd-code.de/icd/code/F81.0.html

Folgende Punkte können Hinweise auf Lese- und Schreibschwäche sein:

  • Vermeidung von Situationen die Lesen oder Schreiben erfordern
  • Häufige Schreibfehler auch bei einfachen Worten
  • Geringe Ausdrucksfähigkeit, z.B. reden nur in kurzen Sätzen
  • Vermeidung unsicherer Situationen, wo Lesen oder Schreiben nötig sein könnte (Informationsveranstaltungen, Restaurantbesuche)
  • Schreib- oder Leseanforderungen werden an Kolleg*innen oder Freund*innen delegiert
  • Häufiges Bestellen der gleichen Speisen in Kantinen oder Restaurants
  • Kauf von Fahrscheinen am Schalter, statt am Automaten
  • Ausschließliche Nutzung von Sprachnachrichten bei Messaging-Diensten (Telegram, WhatsApp, …)

Betroffene finden Wege, das Lesen und Schreiben zu vermeiden. Folgende Aussagen oder Verhaltensweisen könnten Hinweise sein die Ihnen helfen das Problem zu erkennen:

  • „Können wir nicht lieber telefonieren statt per E-Mail zu schreiben?“
  • „Ich werde das Dokument/den Vertrag zuhause lesen.“
  • „Ich habe Ihre Nachricht nicht erhalten.“
  • „Ich habe meine Brille vergessen.“
  • „Was können Sie mir denn zum Abendessen empfehlen?“

Informationen zu Hilfsangeboten finden Sie im Bereich „Unterstützen“.

Informationen zum Alphanetz NRW finden Sie im Bereich „Alphanetz NRW “.

Die Mitgliedschaft im Alphanetz NRW ist kostenlos, den Mitgliedsantrag finden Sie hier.

Finanzielle Förderung von Alphabetisierungs- und Grundbildungskursen sind möglich durch:

  • Die Bildungsprämie des Bundes:
    Die Bundesregierung übernimmt über einen Prämiengutschein die Hälfte der anfallenden Kosten für Fortbildungskurse und Prüfungen von Berufstätigen bis zu Maximalbetrag von 500 Euro. Informationen zur Beantragung finden Sie unter: http://www.bildungspraemie.info
  • Bildungsgutscheine der Bundesagentur für Arbeit:
    Die Arbeitsagentur fördert unter bestimmten Voraussetzungen individuelle Bildungsbedarfe mit Bildungsgutscheinen. Hierfür ist eine vorherige Beratung bei der örtlichen Arbeitsagentur nötig. Informationen dazu finden Sie hier: www.arbeitsagentur.de.
  • Bildungsscheck des Landes Nordrhein-Westfalen:
    Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW fördert Einzelpersonen sowie kleine und mittelständige Unternehmen bei der Stärkung der Beschäftigungsfähigkeit im Sinne des lebenslangen Lernens. Die Förderung umfasst bis zu 50 %, jedoch maximal 500 Euro. Informationen dazu erhalten Sie hier: https://www.weiterbildungsberatung.nrw/foerderung/bildungsscheck

Das Alphanetz NRW fördert:

  • die Gründung von lokalen und regionalen Netzwerken zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung
  • die Vernetzung zwischen den Mitgliedern des Alphanetz NRW und anderen Akteuren der Grundbildung (Regionaltreffen und Fachtagungen)
  • die Qualifizierung von Kursleitenden und Pädagogischen Mitarbeiter*innen
  • die Durchführung von Veranstaltungen zur Sensibilisierung für das Thema Alphabetisierung und Grundbildung,
  • Veranstaltungen und Aktionen anlässlich des jährlich stattfindenden Weltalphabetisierungstages am 8. September,
  • Ihre Öffentlichkeitsarbeit vor Ort durch Flyer, Plakate, o.ä.

Sensibilisierungsschulungen richten sich an die breite Öffentlichkeit oder gezielt an Mitarbeitende von Betrieben, Familienzentren, Kirchen, Stadtteilprojekten, Sportvereinen, sozialen Einrichtungen, Einrichtungen des Gesundheitswesens, Jobcentern, Arbeitsagenturen, Banken, Schuldnerberatungen, Freiwilligenagenturen oder der öffentlichen Verwaltung. In einer Sensibilisierungsschulung werden die Teilnehmer*innen über geringe Literalität, Hilfen und Diagnostik informiert und können so Betroffene ansprechen und an Hilfsangebote weiterermitteln bzw. Ihr (berufliches) Umfeld für das Thema sensibilisieren.
Das Alphanetz NRW kann die Honorarkosten für eine*n Referent*in für eine Sensibilisierungsschulungen übernehmen. Die inhaltliche Gestaltung, die zeitliche Rahmung, die Auswahl der/des Referent*in, die Honorarhöhe sowie die Auswahl der Zielgruppe geschieht in Absprache zwischen dem Veranstalter und dem Alphanetz NRW. Sprechen Sie uns bei Interesse gerne an.

Kursangebote in Ihrer Nähe finden Sie unter „Kursangebote“.

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