Dokumentation zur Fachtagung „Arbeiten im Wörterwald – Eine Tagung für Unterrichtende“

6. Dezember 2019, Wissenschaftspark Gelsenkirchen

Die gemeinsam ausgerichtete Fachtagung von Alphanetz NRW (Landesverband der Volkshochschulen von NRW e.V.) und der Supportstelle Weiterbildung (QUA-LiS NRW) hatte zum Ziel, die Bedarfe der Unterrichtenden in der Alphabetisierung für Deutschsprachige stärker in den Blick zu nehmen. In sechs verschiedenen Workshops zu methodisch-didaktischen Fragestellungen in der Arbeit mit gering literalisierten Erwachsenen konnten die Tagungsteilnehmenden Ihre Kenntnisse vertiefen.

Zuvor wurden in einem Expert*innentalk mit dem Parl. Staatsekretär Klaus Kaiser die bildungspolitischen Dimensionen ausgelotet und von Dr. Klaus Buddeberg die neuesten Ergebnisse der LEO-Studie 2018 vorgestellt.

© Daniel Gasenzer

Bei aller Diskussion um die Unterrichtspraxis darf natürlich nicht die Lerner*innen-Perspektive fehlen, die uns Jutta Stobbe, Vorstandsmitglied „Alfa-Selbsthilfe Dachverband“, liefern konnte. Zur künftigen Forschungsarbeit in NRW präsentierte sich das neu-gegründete Forschungsnetzwerk Alphabetisierung und Grundbildung NRW.

Gäste:
Parlamentarischer Staatssekretär Klaus Kaiser, Ministerium für Kultur und Wissenschaft
Dr. Klaus Buddeberg, Universität Hamburg

Im Expert*innentalk sprach Marion Döbert mit dem Parlamentarische Staatssekretär Klaus Kaiser aus dem für Weiterbildung zuständigen Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW) und Dr. Klaus Buddeberg, einem der Autor*innen der Studie „LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität“.

Von Dr. Klaus Buddeberg wollte Marion Döbert wissen, wie sich der Rückgang von 7,5 Mio. auf 6,2 Mio. gering literalisierte Erwachsene im Zeitraum 2010 bis 2018 erklären lässt. Hierbei handele es sich tatsächlich weniger um einen Erfolg der Alphabetisierungsarbeit, so Buddeberg. Nur ca. 0,7 % der gering literalisierten Erwachsenen besuchen einen Lese- und Schreib-Kurs. Vielmehr hat sich die Zusammensetzung der Untersuchungsgruppe in den berücksichtigten acht Jahren verändert. So sind v. a. ältere Jahrgänge geringer literalisiert. Die LEO-Studien erfassen Erwachsene bis 64 Jahren. Da zwischen der erstmalig durchgeführten LEO Studie von 2010 und der aktuellen Studie acht Jahre liegen, sind die Probanden, die damals zwischen 57 und 64 Jahre alt waren, nun nicht mehr berücksichtigt. Positiv formuliert: Die jüngeren Jahrgänge sind besser literalisiert, was auf ein insgesamt besseres Bildungssystem in Deutschland zurückzuführen ist. Rechne man solche Effekte heraus, zeige sich jedoch kaum ein Rückgang, so Buddeberg.

Klaus Kaiser versicherte, dass der Bereich Alphabetisierung und Grundbildung bei der bevorstehenden Novellierung des Weiterbildungsgesetzes angemessen berücksichtigt werden wird. Zudem beabsichtige das MKW die Arbeit des Alphanetzes NRW auf sichere Beine zu stellen. Darüber hinaus konnte Kaiser auf die Einrichtung eines Forschungsnetzwerkes Alphabetisierung und Grundbildung verweisen, dessen inhaltliche Ausrichtung auch auf dieser Fachtagung im engen Austausch mit der Praxis stattfinden soll. So seien für NRW in den nächsten Jahren bedarfsgerechte Forschungsergebnisse zu erwarten.

Die Inhalte der Workshops 1, 4 und 6 stammen auszugsweise aus der Fortbildungsreihe„ Erstqualifizierung von Kursleitenden für Alphabetisierungskurse in NRW“ des Alphanetz NRW und sind auf dieser Fachtagung zum Teil weiterentwickelt worden.

Birgit Bastian, Bergische Volkshochschule

In Workshop 1 wurde das Thema „Vokale sind Trittsteine durch das Wort“ behandelt. Die Referentin Birgit Bastian (Bergische vhs) hat zunächst den Fokus auf Vokale begründet: Normalerweise liegt der Fokus eher auf den Konsonanten, da Vokale in der Artikulation unauffällig sind, sie beim Schreiben oft ausgelassen werden, ihre akustische Unterscheidung oftmals schwierig ist. Zugleich strukturieren Vokale jedoch das Wort in Silben und geben über eine lange oder kurze Phänomenologie Hinweise auf die Rechtschreibung. Um die Möglichkeiten der Umsetzung in der Praxis auszuloten, konnten verschiedene Unterrichtsmaterialien und -methoden an drei Stationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Morphem-Graphem-Zuordnung, Zerlegen mehrsilbiger Wörter, Dehnung/Dopplung) ausprobiert werden.

Andrea Bauer, Volkshochschule Bergisch Gladbach

Im Workshop 2 standen diagnostische Mittel in der Grundbildung im Fokus. Die Referentin Andrea Bauer (vhs Bergisch Gladbach) präsentierte dazu verschiedene Diagnostikverfahren:

  •  schriftliche Diagnostikverfahren (z. B. Wort-Bild Diagnostik)
  • online diagnostische Verfahren (z. B. vhs Lernportal)
  • dialogische Diagnostikverfahren (z. B. Selbsteinschätzungsbögen)

In einem anschließenden World Café konnten die Materialien betrachtet und ausprobiert werden. Zudem erhielten die Workshop-Teilnehmer*innen viele nützliche Informationen, wo die Materialien zu finden sind, welche Fortbildungsmöglichkeiten es gibt (z. B. über den DVV) und zu weiterführenden Lernmaterialien.

Sabine Schwarz und André Hamann, Lernende Region – Netzwerk Köln e.V.

Der Workshop 3 wurde von Sabine Schwarz und André Hamann (Lernende Region – Netzwerk Köln) geleitet und widmete sich dem Thema „kollegiale Beratung“. Mittels der Methode „Iteratives Reflecting Team“ sollten die Lehrenden eine schwierige Unterrichtssituation darlegen und anschließend reflektieren. Bei dieser Methode, deren Ursprung in der systemischen Therapie liegt, werden eingangs drei unterschiedliche Rollen auf die Workshop-Teilnehmer*innen verteilt: Es gibt eine*n Anliegergeber*in, eine*n Moderator*in und drei reflektierende Assistent*innen. Als zentrales Ergebnis des Workshops konnte festgehalten werden, dass die kollegiale Beratung als ein wichtiger Baustein zur Professionalisierung von Lehrpersonal in Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten anzusehen ist.

Susanne Lachnit, Volkshochschule Eschweiler/ Volkshochschule Aachen und Hermann Wefelnberg, Volkshochschule Wesel, Hamminkeln, Schermbeck

Dieser Workshop wurde von Susanne Lachnit (vhs Eschweiler/vhs Aachen) und Hermann Wefelnberg (vhs Wesel, Hamminkeln, Schermbeck) zum Thema Teilnehmendenorientierung geleitet. Auf Grund der kleinen Gruppe, fand ein strukturiertes Gespräch zu den Themen “Umgang mit Seminarteilnehmer*innen und Lebensweltbezug” statt. Im Fokus standen dabei Fragestellungen zur Herstellung von Vertrauen im Kurs, Gewinnung der Zielgruppe, Grenzen von Hilfsmöglichkeiten und zur Höhe der Kursgebühren (bzw. einer möglichen Entgeltbefreiung).

Wiebke Eilts, Volkshochschule Aachen

Wiebke Eilts (vhs Aachen) berichtete in diesem Workshop von der Selbsthilfegruppe „Wörter-Wald“ in Aachen und ihrer Entstehungsgeschichte. Unter dem Dach der vhs entstand im Rahmen des Weltalphatages 2017 die Initiative zur Gründung einer Selbsthilfegruppe zum Lesen und Schreiben bei der Aachener Kontakt- und Informationsstelle „akis“. Durch eine Finanzierungshilfe der Krankenkassen, konnte die Selbsthilfe in Aachen ins Leben gerufen werden. Im Anschluss wurden Fragen der Workshop-Teilnehmer*innen geklärt: Wie gründe ich eine Selbsthilfegruppe? Wie finde ich Mitstreiter? Wie kann ich das Thema bei meinen Kursteilnehmenden anregen? Und: Wie kann ich Netzwerke anregen, das Thema zu verfolgen?

Tabea Hower und Holger Blumensaat, Volkshochschule Essen

Im Workshop 6 wurde die Frage nach einem zielführenden Einsatz neuer Medien behandelt. Geleitet wurde der Workshop von Tabea Hower und Holger Blumensaat (vhs Essen), die auf die Problematiken im Umgang mit neuen Medien seitens der Lerner*innen aber auch Kursleiter*innen eingingen. Anhand der Planung einer fiktiven Reise sollten die Workshop-Teilnehmer*innen sich in die Rolle der Kursleitenden und Lernenden versetzen und die verschiedenen Anforderungen an die Zielgruppe herausarbeiten.

Prof. Dr. Michael Schemmann, Universität zu Köln
Prof. Dr. Irit Bar-Kochva, Universität zu Köln

Die beiden Professor*innen stellten das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft geförderte Forschungsnetzwerk Alphabetisierung und Grundbildung NRW vor.

Das Forschungsnetzwerk umfasst insgesamt drei Standorte: die Universität zu Köln (Prof. Dr. Michael Schemmann und Prof’in Irit Bar Kochva), Universität Duisburg-Essen (Prof. Dr. Helmut Bremer) sowie das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (Prof. Dr. Josef Schrader).

Die Förderung des Forschungsnetzwerkes erfolgt aus Wissenschaftsmitteln. Das heißt, der Weiterbildung gehen keine Mittel verloren. Im Gegenteil: Das Land stellt zusätzlich Gelder bereit, um Forschung zu weiterbildungsrelevanten Fragen zu ermöglichen.

Das Forschungsnetzwerk Alphabetisierung und Grundbildung NRW soll unter Berücksichtigung besonderer Problemlagen Nordrhein-Westfalens wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung erarbeiten.

Hierbei soll ein intensiver Austausch mit Praktiker*innen der Erwachsenen- und Weiterbildung dafür sorgen, dass deren Bedarfe in Forschungsfragen überführt werden können. Hierzu zählte auch der Austausch auf dieser Fachtagung.

Der Start der Forschungsprojekte mit einer Laufzeit von 36 Monaten ist für Juni 2020 geplant.

Jutta Stobbe, Vorstandsmitglied „Alfa-Selbsthilfe Dachverband“

In ihrem Vortrag ging Jutta Stobbe im Besonderen auf die Bedarfe und Wünsche der Lernenden ein. Gleich zu Beginn machte die Botschafterin für Alphabetisierung und Vorstandsmitglied des „Alfa-Selbsthilfe Dachverbands“ deutlich: Die Bedarfe der Lerner*innen müssen mehr in den Fokus der AlphaDekade gestellt werden. Auch die Lerner*innen wünschen sich eigene Plattformen und mehr Austauschmöglichkeiten – nicht nur die Pädagogischen Mitarbeitenden und Projektleitenden. Dazu sei es jedoch unerlässlich, dass die zumeist sehr hohen bürokratischen Hürden abgebaut würden und Mittel für solche Vorhaben einfach akquiriert werden könnten.

Scharfe Kritik übte Frau Stobbe an der derzeitigen Kultur der „Projektitis“: Es erscheint unverständlich, warum sich bewährte Projekte nicht verstetigen und man stattdessen immer neue Projekte aus dem Boden stampfe. Neben einem hohen Zeit- und Ressourcenaufwand, sei dieses Verfahren im Sinne der Nachhaltigkeit wenig effektiv. Viel Wissen ginge dadurch verloren und Themen würden unter großem Ressourcenaufwand wieder neu aufgelegt.

Mit dem sich neu gegründeten „Alfa-Selbsthilfe Dachverband“ möchten Frau Stobbe und ihre Mitstreiter*innen über Ursachen und Folgen der Lese- und Schreibschwäche sowie über Möglichkeiten und Erfolge aufklären. Zu ihren Zielen zählen die Unterstützung der Selbsthilfegruppen durch ein professionelles Büro (Gelder einwerben und verwalten, Projekte beantragen, etc.) und Stärkung der Selbsthilfegruppen durch Fortbildungen und Vernetzung (Lerner-Tagungen).

Über den Verlauf des gesamten Veranstaltungstages hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, Ihre Unterstützungsbedarfe an einem „Wunschbaum“ zu artikulieren. Hierbei wurde zum einen nach dem vordringlichen Bedarf an praktischer Unterstützung für die eigene Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit gefragt.

Dabei wurde der Wunsch nach mehr attraktiven Unterrichtsmaterialien geäußert. Diese sollten auch noch wenig behandelte Themenbereiche umfassen (bspw. Körperpflege) oder sich gezielt an den Alpha-Leveln 3-4 orientieren, mit dem Ziel, die Teilnehmenden zu einem Schulabschluss zu führen.

Hinsichtlich der Rolle der Kursleitenden wurden Wünsche nach mehr Wertschätzung, besser ausgestatteten Kursräumen und angemessenen Honoraren geäußert. Auch wurde auf die saubere Trennung der Bereiche Alphabetisierung/Grundbildung und DaZ/DaF wertgelegt.

Die Bedeutung von Netzwerken wurden herausgestellt. Das betrifft den Wissenstransfer zwischen den in der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit Beschäftigten. Es betrifft auch Netzwerke zur Teilnehmendengewinnung sowie die Kurse als sozialintegrative Netzwerke für die Teilnehmenden selbst.

Insgesamt wurde der Bedarf gesehen, dass Gelegenheiten geschaffen werden müssen, damit sich gering literalisierte Betroffene stärker untereinander vernetzen. Betroffene können von der gegenseitigen Unterstützung und dem Formulieren gemeinsamer Anliegen stark profitieren.

Zum anderen konnten Tagungsteilnehmer*innen am Wunschbaum die aus ihrer Sicht notwendigen Forschungsbedarfe äußern. Diese wurden bei der Ergebnispräsentation auch direkt an das Forschungsnetzwerk Grundbildung NRW adressiert.

Es wurde der Wunsch nach mehr qualitativer Forschung geäußert. Konkret wurde sich mehr biographische Forschung gewünscht, die Erkenntnisse zu Lebens- und Lernwegen von gering literalisierten Erwachsenen sowie zu den Ursachen von geringer Literalität liefern könnte.
Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass genderspezifische Fragen in der Alphabetisierungsforschung unterbelichtet würden.

Als weiteres Forschungsfeld wurde der Einfluss der Digitalisierung auf die Entwicklung gesamtgesellschaftlicher Literalitätspraktiken problematisiert. Hierbei stellt sich die Frage, ob es, defizitär gesehen, zu einem Verfall gesamtgesellschaftlicher Schriftsprachkompetenz kommt oder ob es sich um einen ganz grundlegenden Wandel der Literalitätspraktiken unter dem Vorzeichen einer immer stärker digitalisierten Welt handelt.

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